Die kleinen Philosophien eines ganz alltäglichen Lebens: Von Heute auf Morgen

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Auf einer Schnellstrasse irgendwo im wunderschönen Bosnien & Herzegowina.
Wartend auf den Bus, der mich wieder zurück in die Schweiz bringen soll.
Siebzehn Stunden habe ich nun vor mir, sitzend auf engstem Raum, rollend durch mehrere Länder und Landschaften.

Dann endlich rattert der Bus herbei – mit einer Verspätung von fünfundvierzig Minuten (was denn, ich bin Schweizerin!). Da ich den „drill“ kenne, begebe ich mich seelenruhig in die Schlange vor einen korpulenten, in Chauffeur-Uniform gekleideten Gesellen, der uns schwitzend aber sehr freundlich die Etiketten für unsere Koffer verteilt.

Gestaunt habe ich nicht schlecht, als mich dieser (fortan Busfahrer Nummer Eins) nach meinem Namen fragte und dabei noch so ganz gelassen das Wort „Seko“ hinzufügte, was etwa „kleines Mädchen“ heissen soll. Hätte ich ihm als Antwort mein Alter verraten, dann wäre wohl mein 40kg schwerer, bis auf den Rand mit pršut und rakija gefüllter Koffer, den er gerade so schön galant in den Bus zu hieven versuchte, vor Überraschung auf seine hübschen Füsschen gefallen.
Schade eigentlich.
Dass ich nichts gesagt habe.

Busfahrer Nummer Zwei ist da schon lässiger drauf, als er mir beim Einsteigen aus dem hinteren Teil des Busses „Bogdanovićka!“ zuruft: Ich solle doch Platz machen und nur ganz kurz nach Links hechten, damit er, geschmückt mit seinen dunklen Mafioso-Gläsern und zwei verdächtig unauffälligen Sporttaschen, den engen Gang ohne Hindernisse nach vorne schnellen kann.

Auf der Suche nach einem freien Platz komme ich nicht umher, mir die immerwiederkehrende Frage ein weiteres Mal zu stellen: Wie um alles in der Welt ist es bitte schön möglich, dass ALLE Langstreckenbusse die ich nehme IMMER UND IMMER WIEDER vollkommen überfüllt sind, hä?!! Ich raff’ es einfach nicht. Echt jetzt. Und die Langstreckenbusse, die ich nehme, durchfahren immer eher ärmere Gegenden. Wie kommt es also, dass so viele Leute so viel reisen können (und mein Busticket war wahrlich nicht gerade billig)? Nun gut. Beschweren tue ich mich nicht.
Solange ein halbwegs anständig riechender Mensch neben mir sitzt.

Dies ist heute zum Glück wieder der Fall. Es ist eine Frau, die mit ihrer Teenie-Tochter reist. Da mache ich mir also keine Sorgen. Auch nicht so sehr, dass sich der einzige freie Platz im ganzen langen Langstreckenbus in der hintersten Reihe befindet. Was soviel heisst wie: Sitzlehne nicht verschiebbar.
Aber auch diesen Unmut stecke ich löcke weg, denn – das gebe ich nun hier ganz leise zu – die Frage nach meinem Namen und der damit verbundenen spontanen Verjüngung meiner Person von Busfahrer Nummer Eins hat mich doch irgendwie beflügelt;
dieser Trottel dachte echt, ich sei voll jung.
Das liegt an meinen Genen.
Wirklich.

Also sitze ich nun da und schaue ins betonreiche Nichts, warte bis der Bus endlich losbrummt. Denn meine erste Handlung, sobald ein Langstreckenbus sich in Gang setzt, ist immer die Gleiche: Ich suche ein Buch in meinem Rucksack. Und mein Geist verspürt dabei jedes Mal eine wohltuende Wärme, während alles um mich herum langsam zu verblassen scheint. Ich bin bereit. Halleluja!

Wenn ein einziges Eines in meinem Leben glasklar ist – und das sind freilich nicht viele Dinge – dann ist es das: Sobald der Motor anfängt zu vibrieren wird wie von Zauberhand ein kostbares, gebundenes Exemplar unzähliger, überaus wohl riechender, hübsch bedruckter Seiten gezückt, das mich gebührend in aussergewöhnliche Welten jenseits der Realität, jenseits jeglicher Vernunft zu katapultieren schafft,
das mich an die immense Magie des Wortes zu binden vermag;
Magie, die mein ganzes, schwaches Wesen fest im Griff haben wird für die nächsten überaus entzückenden siebzehn Stunden der Verwandlung,
oder auch Auflösung in ein nicht substanzielles Etwas, das weder sieht noch gesehen wird – ganz im Sinne aller verwunschenen Geschichten surrealer Begebenheiten.

Jawohl. Ich liebe. Ich bin Liebe.

Und als ich da so mit halb gesenktem Kopf über meiner neuesten Errungenschaft schwebe mit einem zutiefst zufriedenen Lächeln im Gesicht, mit einer mächtigen Vorfreude auf die unzähligen Stunden, die ich nun da so sitzend und lesend im Bus verbringen werde, spüre ich doch – eins, zweimal – einen eher verdutzten Blick auf mir.
Was denn?

Früher war das nicht so.
Früher haben die Leute – tatsächlich! – noch gelesen.
Bücher, meine ich. BÜCHER.
Ein Zeitalter, das meiner Ansicht nach zu früh endete und dies ohne jegliche handfeste, bedeutende Einführung in das Neue.

Ich bin also empört über die verdutzten Blicke.
Gleichzeitig aber auch voller Hoffnung, dass ich – in unserem neuen Hier und Jetzt – möglicherweise als Wegweiser und mutige „Pionierin“ den verdutzten Menschen das „Altpapier“ wieder schmackhaft machen könnte; und ich lächle noch zufriedener – damit es ja alle sehen können – tief versunken in die Seite 74.

Freilich, nicht jeder Mensch kann in einem fahrenden Vehikel lesen. Das verstehe ich natürlich. Jedoch scheint es mir manchmal doch sehr befremdlich, wenn offensichtlich jeder in einem fahrenden Vehikel auf sein Handy starren kann. Liest er da etwa!!??!! Irgendwelche Posts von irgendwelchen coolen Bloggern? Irgendwelche scheinbar interessanten Artikel auf LinkedIn oder die neuesten Updates eines grossartigen Künstlers auf Twitter? Und da wird einem nicht schlecht bei der exakt gleichen, steifhalsig sitzenden Position wie wenn jemand ein Buch in der Hand hielte?
Hmm. Nun gut.
Ich würde doch grundsätzlich lieber ehrlich sein mit der Welt und einfach zugeben, dass Bücher nicht Jedermann’s Sache sind. Und damit wäre das Kapitel meiner Güte und Nächstenliebe gegenüber Brechreiz-gefährdeten-Menschen-beim-BÜCHER-lesen-in-fahrenden-Vehikeln auch schon zu Ende geschrieben.
Ich hab’ Verständnis. Ganz bestimmt.

Nicht jedoch, wenn abends die Sonne untergeht.
Natürlich. Viele Mitreisende zücken nun ihre Lieblingskopfkissen und –decken aus ihren Rucksäcken, positionieren sich beim fünften Versuch so gut, dass es für die nächste halbe Stunde vermutlich bequem sein wird auf dem Sitz, reiben sich müde die Augen und dösen langsam weg. Bei mir ist der Rhythmus genau umgekehrt. Erst jetzt werde ich so richtig hellwach. Freudig, dass die Zeit im Raum nun ganz alleine mir gehört. Aufgeregt, dass ich noch so viele nächtliche Stunden ohne irgendwelche verdutzten Blicke in meine Richtung vor mir habe zum lesen und entspannen und – KNIPS!

Jawohl.
Das ist mir tatsächlich schon öfters passiert.
Dass ich ungläubig um mich schaue auf der Suche nach dem vermeintlichen Übeltäter, der es wagte, in MEIN REICH einzudringen und MEINE SITZLAMPE auszuknipsen!!!
Heeeee-ee-ee!!
Ich bin EIN ZAHLENDER GAST dieser Busfahrt, mit dem EXAKT GLEICHEN Busticket in der Hand, und ich DARF meine Sitzlampe so lange leuchten lassen, wie es mir gefällt!
Und das gebe ich auch jedesmal, wenn’s passiert, klar artikulierend und sehr, sehr wohlerzogen weiter. MEINE Sitzlampe! M-E-I-N-E.

Aller Rede, Moral und falscher Höflichkeiten zum Trotz – ich bleib’ dabei.
Sitze ich in einem Langstreckenbus, dann lese ich!
Egal wer oder was mich daran zu hindern versucht!
Dies ist nämlich eine Zeit, auf die ich mich immer wieder riesig freue;
eine Zeit, die ich mir nur selten nehmen kann.
Die Freiheit, stundenlang einfach nur durchlesen zu dürfen.

MEINE WELT. MEINE SITZLAMPE.

© romina bogdanovic / lottileibnitz.com

 

Grosse Umarmung,
Herzlichst,
Eure Lotti ❤

 

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