Die kleinen Philosophien eines ganz alltäglichen Lebens: Entfachte Neuliebe

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Bereits eine gute Woche ist es her seit unserem grossen Auftritt im Bernhard Theater Zürich. Ich kann mich noch gut erinnern, wie laut mein Herz anfing zu pochen, als unser Regisseur uns über das Walkie-Talkie mitteilte, dass der Saal bis auf ein paar wenige Plätze in der hintersten Reihe vollkommen ausgebucht war. Diese Mitteilung übertönte das dumpfe und doch aufgeregte Plaudern der unerwartet grossen Zuschauermenge, als wir – bereits in der Anfangsposition hinter dem schweren roten Vorhang stehend – uns alle im Halbdunkel mit weit aufgerissenen Augen ansahen und jeder von uns ein lautloses “Was!?!” oder “Never!” oder “Scheeeeeisseeee!” oder “Isch ja huere geil!” mit unseren Lippen formten, teils mit hell aufleuchtenden Augen, teils mit plötzlich auftauchenden Schweissperlen auf der Stirn, nur um dieser Wahnsinnsneuigkeit noch mehr Drama beizumischen. Ja, in diesem Augenblick dachte ich ganz kurz darüber nach, ob der Zeitpunkt, jetzt so ganz nebenbei theatralisch in Ohnmacht zu fallen, denn nicht überaus gut in dieses Spektakel passen würde.
Leider war für meinen tollen Einfall – oder wie die Engländer sagen würden, das ‘Chickening out’ – keine Zeit mehr, so dramatisch schön diese spontane Einlage meiner Wenigkeit auch geworden wäre, denn plötzlich ertönte die Musik, welche das Publikum zum schweigen bringen und uns das unausgesprochene Zeichen geben sollte, einmal tief durchzuatmen und die Anfangsposition wieder einzunehmen.
Vorhang auf.

Ob mein Herz aufhörte zu pochen? Natürlich nicht. Denn die Eröffnungsszene war ‘meine Horrorszene’ schlechthin; nicht, weil ich sie nicht souverän hinter mich brachte, denn das tat ich zumindest halbwegs patzerlos (oder vielleicht haben sich hier meine Kritiker auch aus Liebe zu mir eher zurückgehalten?).
Nein, wohl eher weil ich in der Eröffnungsszene einen Paartanz über die Bühne bringen musste. Damals, vor etwa drei Wochen, als mich unser überaus motivierter Regisseur für die Eröffnungsszene zum Walzer verdonnerte, hatte ich seine Ansage anfangs für einen Witz gehalten. Ich schmunzelte sogar darüber in meiner vollkommenen Naivität. Leider entpuppte sich eineinhalb Minuten später dieser Witz als ernst zu nehmende, drohende, unausweichliche Wahrheit und durch musste ich wohl denn auch von diesem Moment an, egal wie tollpatschig ich mich beim paar-tanzen auch zeigte. Ach ja.

Nun gut. Die Eröffnungsszene lief dann doch irgendwie noch einigermassen elegant über die Bühne, und dies trotz meines – hoffentlich unbemerkt gebliebenen – Kampfes hinter dem Sofa mit der Hose von ‘Mica’, die dort am Boden bereit lag für den ersten Akt. Ja, ich hatte mich tatsächlich beim tanzen mit meinen Absätzen in der Hose verfangen. Obschon ich kurz vor der Premiere noch allerhand Vorkehrungen getroffen hatte, dieses Schreckensszenario, welches Bestandteil des gesamten Paartanz-Horrorszenarios war, zu unterbinden.
Wie sagt man so schön? Wovor du am meisten Angst hast, wird geschehen, weil du immerzu daran denken musst.
Ach ja. Die Macht der Gedanken. Da sieht man es wieder einmal!

Der erste, zweite und dritte Akt wurden dann wie erwartet souverän performt, denn ausser mir als ‘Petrunjela’ und meinem beängstigend liebesdurstigen ‘Pomet’ waren für dieses Stück nur ausgebildete Schauspieler am Werk; eine einmalige Aufführung sollte schliesslich auch knallen wie ein Feuerwerk!
Was die Arbeit mit den echten Schauspielern angeht, war die intensive Vorbereitungsphase sehr erfrischend und äusserst lehrreich – eine Zeit, die ich nie vergessen werde, denn ich erhielt sehr viel neue Erkenntnisse von diesen wunderbaren Menschen und wurde um zahlreiche Erfahrungen reicher.
Viel positive Energie, umhüllt mit Glücksgefühlen. Viel Raum für meine eigene künstlerische Entfaltung (obschon ich – wie man im Nachhinein immer zu wissen glaubt – noch viel mehr hätte geben können; aber machen wir erst einmal einen Schritt nach dem anderen; ein Theater nach dem anderen). Dieser wunderbare Monat der Vorbereitungszeit war ausschliesslich geprägt von positivem Teamgeist, leidenschaftlicher Dynamik und künstlerischem Eigenleben. Was für eine Freude!

In dieser Zeit fliegte ich förmlich zu den Proben, während derer ich dann schweigend den Profis zuschaute und alles was ich sah und hörte buchstäblich in mich einsaugte. Ich hatte so viel gelernt, dass ich heute mit grösster Zuversicht sagen kann, einen gewaltigen Sprung – flächenmässig gesehen so etwa in der Grösse der Sahara – nach Vorne gemacht habe mit meinem neu erworbenen Verständnis für die Kunst des Schauspiels; verglichen mit meinem Stand im letzten Jahr, als ich mit ‘ERVOLK‘ zum ersten Mal meine schauspielerische Leidenschaft ausleben konnte.
Auch bin ich heute Meilen weiter als noch vor x-Jahren: Damals, als ich im Hallenstadion mit einem tollen Gospelchor auf der Bühne stand. Vor sage und schreibe 11’000 Menschen. Ja. Damals war mir die Nervosität regelrecht ins Gesicht geschrieben, jedes Mal als ich meine zitternden Lippen bewegen musste. Aber damals war ich noch jung. Ausserdem ist es mit unserem letztwöchigen Theaterauftritt nicht zu vergleichen. Denn damals sangen wir Playback. Also bewegten wir nur die Lippen. Mussten nur ein wenig mit den Hüften hin und her wackeln. Der Rest ging von selbst.
Meilensteine, eben.

Nun gut. Zurück zum Stück. Nach den Profis war die Zeit reif für unseren Auftritt. Pomet und Petrunjela in ihrer eigenen theatralischen Geschichte.
Zeitpunkt des Geschehens:
Irgendwann im tiefen Mittelalter an irgendeinem schönen Nachmittag.
Ort des Geschehens:
Auf irgendeinem hübschen, kopfsteingepflasterten Weglein im mittelalterlichen Dubrovnik.
Die passende Musik ertönte, während ich hinter dem Vorhang wartete. Man liess dem Publikum Zeit, sich mit Hilfe der mittelalterlichen Klänge in ein anderes Jahrhundert, in eine andere Welt zu versetzen.

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Mein Herz fing wieder an zu pochen; oder wohl eher anstandslos zu hämmern gegen meinen sensiblen Brustkorb: “Ich will da raaaaaaauuuuus!” hörte ich es dramatisch schreien; “Ich werde doch sicher nicht mitansehen, wie du (damit meinte mein Herz ganz klar mich) dich zum Affen machst da draussen!” Als mein Herz merkte, dass mein Brustkorb zu robust war, um in die Freiheit durchzudringen, versuchte es, sich einen Weg durch meinen Rachen zu bahnen. Also fing ich an, nebst den Schweissausbrüchen, zusätzlich gegen diese plötzliche Einengung im Halsbereich zu kämpfen, während mein Herz weiter motzte wie verrückt. Von tiefem Durchatmen – scheinbar ein Rezept gegen Lampenfieber – keine Spur. Meine Hand, in der ich den blutroten Apfel hielt, schwitzte so sehr, dass ich den Apfel fester umklammern musste, um ihn nicht viel zu früh aus der Hand fallen zu lassen. Dann gab die Musik mir das Zeichen für meinen Einsatz und ich lief raus auf die Bühne.
Ohne zu zögern.
Man soll ja als Performer keine Schwäche zeigen.

Und als ich von der einen auf die andere Bühnenseite hüpfte, wie es Petrunjela damals wohl auf dem hübschen, kopfsteingeplasterten Weglein gemacht hätte (obschon ich bei dieser Szene irgendwie immer an das lieb hüpfende Rotkäppchen im Wald mit ihrem Korb voll Äpfeln…äähhm…Kuchen und Wein denken musste), spürte ich, wie sich vor Aufregung mein Kehlkopf zusammenschnürte und – kurz nach meinem perfekt einstudierten, abrupten Halt – sah ich buchstäblich dabei zu, wie mein Herz geschickt irgendeinen anderen Ausgang aus meinem Körper gefunden hatte und nun leichtfüssig vor mir über die Bühne kullerte, sich füchsisch einen Platz auf dem Schoss eines Zuschauers ergatterte und nun putzig zu mir hochschaute, mit einer lieblichen Unschuldsmiene; ganz erwartungsvoll mir schelmisch zulächelnd.

“Du kleines Luder!!” – obschon ich leidenschaftlich gerne meinem Herzen in diesem Augenblick den blutroten Apfel hinterher schmeissen wollte, wusste ich es natürlich besser. Denn da starrten mich Unmengen Augenpaare an, die gespannt meinen nächsten ‘Move’ erwarteten. Ich überbrachte also meinem Herzen eine telepathische Nachricht, die ungefähr so lautete: “Komm jetzt, ich hab keine Zeit für deine Spielchen; lass uns gemeinsam die Bühne rocken.” – gesagt sei hier, dass die gesamte Kommunikation zwischen mir und Herz seit meinem Auftritt nur etwa zwei hundertstel Sekunden dauerte. Und da fliegte mir mein Herz voller Freude entgegen, fand ihren angestammten Platz wieder und der erste, perfekt einstudierte Satz lief, mit vereinten Kräften, energisch über meine Lippen. Geschafft!
Kurz darauf stiess auch Pomet zu ‘uns’ und so rollten wir voller theatralischer Leidenschaft über die Bühne, ohne je wieder Lampenfieber in irgendeiner Form zu verspüren.

Und nach dem inhaltlich schockierenden und schauspielerisch gekonnten vierten Akt folgte unsere hippe Schlussszene, die – zugegebenermassen und glücklicherweise – nicht gänzlich der Theaternorm entsprach.
Nach gut zweieinhalb Stunden ging dann allmählich der schwere Vorhang vor uns wieder zu. Freilich, es sollte ein Zeichen dafür sein, dass die Realität wieder einkehrte und uns aus unser aller Traumwelt zurückholte.

Aber nicht an diesem schönen Mittwochabend. Dafür sorgte die volle Ladung Adrenalin, das unsere aufgeweckten Geister derzeit umschmeichelte. Also ging es nach der Aufführung selbstverständlich weiter. In eine Bar. Und dann in noch eine Bar. Der bestehenden Mischung aus Adrenalin, Glücksgefühl, tiefster Zufriedenheit und Rakija wurden denn auch noch weitere alkoholische Zutaten beigefügt.
Lustig war es.
Hocherfreut und stolz waren wir.
Irgendwann machte ich mich jedoch vom Acker, weil ich plötzlich eine unbeschreiblich grosse Sehnsucht nach meinem Bett verspürte.
Und der Wunsch, doch noch drei volle Stunden Schlaf zu erhalten vor dem nächsten Arbeitstag, erschien mir Grund genug, meine sieben Sachen zu packen und den Heimweg anzutreten.

Während der Fahrt grinste ich natürlich pausenlos – aus welchen Gründen auch immer – und erinnerte mich an die wilden Teenie-Jahre, als wir solche nächtlichen Barbesuche während der Woche locker wegstecken konnten. Und dann machte ich mir Sorgen, wie ich das Morgen wohl überleben sollte.
Nichtsdestotrotz konnte ich drei wirklich tiefe und wohltuende Stunden Schlaf erhaschen, wachte am nächsten Morgen vollkommen faltenlos auf, wunderte mich über die geringe Müdigkeitserscheinung, atmete tief die frische Morgenluft, die durch mein Fenster strömte, ein, montierte meine Töff-Bekleidung und – stellte mit Schrecken fest, dass mein Helm nicht an seinem üblichen Platz lag (!?!).

Ich lief wild durch die Wohnung, schaute in jede erdenkliche Ecke (als ob zwischen Bücherregal und Wand noch ein Helm passen könnte!); aber der Helm war nirgends zu sichten. Ich hielt einen Moment lang inne, setzte mich auf’s Sofa um nachzudenken. Mein Hirn ratterte um die Frage herum, ob ich letzte Nacht denn überhaupt mit ausreichender Kopfbedeckung nach Hause fuhr. Ein Gedanke, der mich unweigerlich zu der weitergehenden Frage führte, ob ich denn während der ‘frischen’ Heimfahrt von irgendwelchen Polizisten gesichtet wurde und ob denn meine Ohren überhaupt noch am Kopf klebten – denn eine Fahrt ohne Helm wäre für die Ohren freilich schmerzhaft gewesen zu dieser Stunde und Jahreszeit.
Nach langen Minuten intensiven Überlegens kam ich zum Schluss, dass die einzig vernünftige Erklärung für das derzeitige Verschwinden meines Helms darin bestand, dass ich – aus welchen Gründen auch immer – diesen bei meiner nächtlichen Ankunft im Sitz meines Rollers verstaut hatte. Und so war es denn auch.
Na dann stand ja dem beginnenden Tag nun nichts mehr im Wege!

Und so wurde aus dem magischen Gestern wieder das alltägliche Heute.
Nur mit dem Unterschied, dass das magische Gestern von nun an stets in der Gegenwart präsent sein wird.
Jawohl.
Das Theater hat eine neue Liebe in mir entfacht.
Es hat mich innig umarmt, mir Wärme gespendet, mir seine Bühne anvertraut.
Es hat mir Höhenflüge beschert und mich entfalten lassen.
Es hat mich mutiger gemacht.

Denn letztes Jahr bei ‘ERVOLK‘ hoffte ich insgeheim, Keinen zu sichten, den ich kannte und fürchtete das Urteil derer, die ich nicht kannte.
Dieses Jahr kontrollierte ich die Sitzplatzreservationen fast täglich und hoffte auf einen ausgebuchten Theatersaal (check!).
Letztes Jahr zeigte mir mein Körper seine gnadenlos ungeschminkte Nervosität.
Dieses Jahr strotzte er vor Energie.
Letztes Jahr war meine Seele mehrfach vom Lampenfieber befallen.
Dieses Jahr fand sie zu tiefer, inniger Ruhe.

Und nächstes Jahr?

© romina bogdanovic / lottileibnitz.com

Grosse Umarmung,
Herzlichst,
Eure Lotti ❤

 

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